Freitag, 21. Juli 2017

"Literatur ist Kampf!"

Franzobels Rede zur Literatur
(Bachmannpreis 2017 in Klagenfurt)


Seelenfutter Oder Das süße Glück der Hirngerichteten
Ko taku reo taku ohooho, ko taku reo taku mapihi mauria.

Zu Beginn wird’s grünlich. Grünlich, meine verehrten Damen und Herren, mein Freund Grünlich nämlich, ist überzeugt, dass es in spätestens fünfzig Jahren keine Bücher mehr geben wird, nur noch E-Books mit virtuellen Protagonisten, Avatars, die einem gleich die ganze Handlung vorspielen. Mit entsprechender Musik und, wenn man das will, Kommentaren, Querverweisen, Interpretationen. Man wird, so Grünlich weiter, zwischen verschiedenen, jedenfalls mehr als zwei, Geschlechtern und diversen Enden wählen, ja vermutlich sogar die Geschichte selbst nach eigenem Gutdünken entwickeln können. Mit einem Mausklick wird jeder zu einem Schöpfer. Alles verändert sich. Die Literatur so sehr, dass einem die Augen rausspringen.

In spätestens fünfzig Jahren wird man Buchhandlungen, Bücherregale, ja selbst Bücher so verwundert ansehen wie heutzutage Jugendliche ein Tonbandgerät, ein Pornokino oder eine Steintafel mit sumerischer Keilschrift. Buchhändler und Bibliothekare werden keine Dealer eines Geheimwissens mehr sein, sondern pelzige Mammuts, die sich in ihren Terrarien irgendwie seit dem Pliozän der Aufklärung am Leben gehalten haben. Und Schriftsteller? Ausgestorbene Steinzeitler aus dem Paläolithikum der Schreibmaschine oder dem Neolithikum des Laptops? Längst ersetzt durch den Homo autorencollectivus?